Archäologie in Nord- und Ostsee als Desiderat

Immer wieder berichten die Medien über spektakuläre archäologische Entdeckungen, die nicht selten im Vorfeld von Großbauvorhaben zur Verbesserung unseres Straßennetzes oder zur Erweiterung von Baugebieten gemacht wurden. Dagegen sind Meldungen über vergleichbare Funde aus der Nordsee bzw. der Ostsee selten, obwohl auch dort in zunehmenden Maße Maßnahmen zur Kiesgewinnung, zur Verlegung von Versorgungsleitungen oder zur Verbesserung der Energie- oder Verkehrsinfrastruktur durchgeführt werden. Allerdings finden diese Maßnahmen häufig außerhalb der 12-Meilenzone in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) statt, in denen die Denkmalschutzgesetze der Küstenländer keine Gültigkeit haben. Der Schutzstatus des dort befindlichen kulturellen Erbes ist deshalb deutlich geringer als an Land; entsprechend sind in die, in der AWZ durchgeführten Baumaßnahmen nur in Ausnahmefällen archäologische Unter­su­chungen integriert.

 

Das Meer – ein einmaliges und verbindendes Archiv der Menschheitsgeschichte

Das unter Wasser vorhandene, sauerstoffarme Milieu bietet ganz außer­gewöhnlich gute Erhaltungs­bedingungen für organische Materialien, wie Holz oder Knochen, die an Land meist bereits nach kurzer Zeit vergehen und deshalb für die Rekonstruktion der Lebensverhältnisse unserer Vorfahren verloren sind. Als vor ca. 20 000 Jahren das letzte Eiszeitalter seinen Höhepunkt erreichte, lag der Meeresspiegel rund 120 Meter unter dem heutigen Niveau. Die spätere Nordsee war Teil des Festlandes zwischen den Britischen Inseln und dem südlichen Skandinavien und verband die heute getrennten Landmassen. Diese gewaltige Fläche bildete den Lebensraum von Großsäugern wie Rentieren oder Auerochsen sowie für die auf ihre Jagd spezialisierten Menschen. Mit dem Anstieg der Temperaturen und dem der Eismassen stieg der Meeresspiegel an und die Landschaft mit den Lagerplätzen der Jäger wurde zunehmend überflutet und von Sediment versiegelt. Dadurch sind diese Siedlungsrelikte zu Archiven geworden, die wichtige Informationen über die klimatisch bedingten Veränderungen des Meeresspiegels, der Küstenver­änderungen und der urzeitlichen Besiedlungsgeschichte beinhalten.

Mit der Zeit lernte der Mensch das Meer zunehmend als Nahrungsquelle, Verkehrsweg oder auch Austragungsort für Konflikte zu nutzen. Viele der Wasserfahrzeuge, die er hierfür über lange Zeit entwickelte, sind als archäologische Fundstätten, Zeitkapseln einer Epoche, am Grund bewahrt. Dieses Bild wird in der Moderne durch Flugobjekte, wie Flugzeuge, Luftschiffe und Raketen ergänzt, die Zeugnisse der Nutzung des Meeres als Kriegsschauplatz darstellen. Auch für die Schifffahrts- und Kriegsgeschichte birgt der Meeresboden somit ein enormes Potenzial, das bislang wenig genutzt wird.

 

Bessere Perspektiven für Schutz und Forschung

Damit das hier nur kurz umrissene Erkenntnispotenzial des kulturellen Erbes auf dem Boden von Nord- und Ostsee kon­sequent erschlossen werden kann, sollte es in der AWZ einen ähnlichen Schutzstatus erhalten wie an Land. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg wäre die Ratifizierung der UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasser-Kulturerbes durch Deutschland sowie die konsequente Umsetzung des Europäischen Übereinkommens zum Schutz des archäo­logischen Erbes auch unter Wasser. Damit würde die Grundlage dafür geschaffen, dass auch die archäologischen Belange bereits bei der Planung von Bauvorhaben berücksichtigt werden. Die dann im Rahmen der weiteren Umsetzung gewonnenen Informationen würden darüber hinaus die in der Forschung auszuwertende Datenbasis erweitern.

Autor: Prof. Dr. Hauke Jöns

 

Weiterführende Literatur zu diesem Thema finden Sie unter:
SPUREN UNTER WASSER

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